Lernstörungen verstehen: Lernen mit Legasthenie und Dyskalkulie
Algor Lab
September 28, 2026

Zwei Kinder geben dieselbe Geografieaufgabe unvollständig ab. Das eine hat Mühe, die lange Fragestellung zu lesen. Das andere liest sie flüssig, kann aber die Werte im Diagramm nicht sicher ablesen. „Mehr üben“ beantwortet bei beiden nicht, welche Unterstützung gebraucht wird. Wer Lernstörungen verstehen möchte, schaut auf den Schritt, an dem die Aufgabe schwierig wird.
Dieser Artikel trennt Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben, mit Zahlen und mit der Aufmerksamkeit. An einem Klimadiagramm zeigen wir, wie sich Material zugänglich machen lässt, ohne das fachliche Ziel zu verlieren.
Auf einen Blick
- Anweisung schwer zu lesen → Frage vorlesen und in eigenen Worten wiedergeben lassen → Kann die Person beide Teilaufträge nennen?
- Diagramm oder Zahlen unsicher → zuerst klären, welche Achse zu Säulen und welche zur Kurve gehört, dann einen Wert ablesen → Stimmen beide Werte samt Einheit?
- Antwort stockt beim Schreiben → mündlich vorformulieren, dann nach dem Schema Beobachtung, Beleg, mögliche Erklärung schreiben → Hält der Text Beobachtung und Ursache auseinander?
- Hilfe ausprobiert → an einer neuen, ähnlichen Aufgabe prüfen → Gelingt der Schritt jetzt selbstständig?
Welche Lernfertigkeit ist betroffen?
Eine Lese-Rechtschreibstörung betrifft vor allem das Erlernen von Lesen und Rechtschreiben, eine Rechenstörung mathematische Fertigkeiten wie das Verstehen von Mengen, Zahlen und Rechenwegen. Gesundheitsinformation.de beschreibt die fachliche Einordnung und mögliche Unterstützung. Was du beim Lernen beobachtest, ist ein Ausgangspunkt für Übung und für ein Gespräch mit der Schule; eine Diagnose stellen Fachleute.
ADHS kann Aufmerksamkeit, Impulsivität und Organisation beeinflussen; es kann zusammen mit Legasthenie oder Dyskalkulie auftreten und ist davon zu unterscheiden. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie erläutert die jeweiligen Themen und die Bedeutung individueller Förderung. Für die nächste Hausaufgabe zählt: Was kann die Person bereits erklären, und an welchem Schritt verliert sie den Zugang? Wer den Sachverhalt mündlich versteht, aber lange für den Aufgabentext braucht, benötigt einen anderen Zugang zur Frage. Wer an der Skala des Diagramms scheitert, muss an Darstellung und Zahlen arbeiten. Eine allgemeine Concept Map hilft beiden wenig.
Eine Aufgabe, drei mögliche Hindernisse
Stell dir eine Geografieaufgabe vor: Ein kurzer Text erklärt, wie man ein Klimadiagramm liest, daneben steht das Diagramm einer Station. Die Temperatur ist als Kurve eingezeichnet, der Niederschlag als Säulen. Die Frage lautet: „Beschreibe Temperatur und Niederschlag im Jahresverlauf und nenne anhand des Materials eine mögliche Erklärung.“ Geh die Aufgabe gemeinsam durch: Stockt die Person bei der Anweisung, beim Zuordnen der Achsen, beim Vergleichen oder erst beim Antwortsatz? Das bestimmt den nächsten Versuch.
Wenn die Anweisung schwer zugänglich ist
Lies die Frage gemeinsam oder lass sie vorlesen. Danach gibt die lernende Person sie in eigenen Worten wieder: Zuerst ist der Verlauf zu beschreiben, danach eine Erklärung zu prüfen. Wird das Diagramm danach verstanden, lag die Hürde vor allem im geschriebenen Text.
In Algor können Texte auf einer Set-Seite angehört und einzelne Stellen erklärt werden; die Anleitung zum Arbeiten mit Sets zeigt die Lesewerkzeuge. Das setzt voraus, dass das Schulmaterial digital vorliegt.
Wenn das Diagramm oder die Zahlen unklar sind
Im folgenden vereinfachten Übungsdiagramm steht links die Temperatur in °C und rechts der Niederschlag in mm. Die Skalen sind hier so gewählt, dass 10 °C auf gleicher Höhe wie 20 mm liegen. Prüft bei anderen Diagrammen die Beschriftung und Skalierung neu. Zeige deshalb zuerst: Die Kurve gehört zur linken Achse, die Säulen gehören zur rechten. Lest dann einen einzelnen Wert ab, bevor ihr zwei Monate vergleicht.
Für einen ersten Übungsschritt reichen zwei Monate einer erfundenen Station:
| Monat | Temperatur (Kurve, linke Achse) | Niederschlag (Säule, rechte Achse) |
|---|---|---|
| Januar | 1 °C | 40 mm |
| Juli | 18 °C | 80 mm |

Beginnt mit nur einer Größe: Lest zuerst den Niederschlag im Januar und im Juli an der rechten Achse ab. Erst wenn das gelingt, nehmt ihr die Temperatur dazu; die Differenzen könnt ihr anschließend berechnen.
Ein typischer Fehler: Die Juli-Säule reicht bis 80 mm, wird aber an der linken Temperaturachse abgelesen. Dort steht auf gleicher Höhe 40, und schon lautet die Antwort „40 mm“. Legt deshalb ein Lineal von der Säulenspitze nach rechts und von der Kurve nach links. Dann vergleicht ihr beide Monate: 80 − 40 = 40 mm mehr Niederschlag im Juli als im Januar, und 18 − 1 = 17 °C höhere Temperatur. Ein vollständiger Beobachtungssatz lautet: „Im Juli fallen 40 mm mehr Niederschlag als im Januar, und es ist 17 °C wärmer.“ Die Ergänzung „weil es im Sommer Gewitter gibt“ bräuchte weitere Belege aus dem Material; das Diagramm allein zeigt keine Ursache. Übertragt die Reihenfolge auf das Originaldiagramm: Achse zuordnen, ablesen, vergleichen, rechnen, mit Einheit formulieren.
Wenn die Erklärung mündlich gelingt, aber schriftlich stockt
Bitte zuerst um eine mündliche Antwort: „Im Sommer ist es wärmer und es regnet mehr; das Diagramm zeigt …; im Text steht als mögliche Erklärung …“. Daraus werden zwei oder drei Sätze nach dem Erwartungshorizont der Lehrkraft. Ist die Idee schon da, braucht es keine weitere Vorleserunde, sondern Übung im Formulieren. Ein kurzes Schema hilft: Beobachtung, Beleg, mögliche Erklärung. Prüft danach, ob der Text begründet, was er behauptet.

Das Lernformat nach der Schwierigkeit wählen
Vorlesen macht den Text zugänglicher. Ein kurzer Absatz oder eine Gliederung ordnet einen Gedankengang. Eine Concept Map hilft, wenn Beziehungen zwischen Fachbegriffen unklar sind. Eine Lernkarte fragt einen Begriff später erneut ab. Ein gelöstes Beispiel mit einer zweiten Aufgabe passt, wenn ein Verfahren geübt werden muss.
Mit einem Algor Set aus eigenen Unterlagen lassen sich Quelle, bearbeitbare Erklärung und ausgewählte Lernwerkzeuge zusammenhalten. Für das Klimadiagramm könnte eine Seite den Quellentext, einen Hinweis zum Zuordnen der Achsen und eine korrigierte Antwort enthalten. Lernkarten und Tests prüfen einzelne Begriffe; das Ablesen eines Diagramms übt ihr an einem neuen Beispiel. Kontrolliere erzeugte Inhalte an der Originalquelle: Eine flüssige Zusammenfassung kann einen Zwischenschritt auslassen oder Ursache und Beobachtung vermischen. Im Set lässt sich das direkt korrigieren.
Beobachtungen für Schule und Förderung festhalten
Notiere bei einigen Aufgaben vier Punkte: Was war der Auftrag? Wo kam die Person nicht weiter? Welche Hilfe wurde ausprobiert? Was gelang danach selbstständig? „Nach dem Vorlesen konnte sie das Klimadiagramm beschreiben, fand aber keine Begründung“ sagt einer Lehrkraft mehr als „Geografie klappt nicht“. „Er verstand die Frage, las den Niederschlag aber an der Temperaturachse ab“ lenkt den Blick auf einen anderen Schritt.
Daraus lassen sich passende nächste Aufgaben ableiten. Welche schulischen Maßnahmen gelten, hängt in Deutschland vom Bundesland und vom Einzelfall ab. Bei länger anhaltenden Schwierigkeiten gehört eine fachliche Abklärung dazu; über Nachteilsausgleich, Förderbedarf und weitere Unterstützung entscheiden Schule und Fachleute, keine App.
Mit einer neuen Aufgabe prüfen
Nimm in der nächsten Sitzung ein anderes Klimadiagramm. Kann die Person die Anweisung erfassen, die Achsen richtig zuordnen, den Verlauf beschreiben und eine Erklärung als solche kennzeichnen? Die alte Antwort könnte auch auswendig gelernt sein.
Das Prinzip gilt in anderen Fächern ebenso: In Geschichte versperrt vielleicht ein langer Quellentext die Argumentation, in Mathematik sind Sachtext und Rechenverfahren getrennte Hürden. Das fachliche Ziel bleibt; der Weg dorthin wird angepasst.
Wenn mehrere Hürden zusammenkommen
Eine Aufgabe kann zugleich einen langen Text, Zahlen und eine schriftliche Begründung verlangen. Bearbeitet dann nicht alles auf einmal: erst die Anweisung klären, dann einen Wert selbst ablesen lassen, zuletzt die Erklärung formulieren. So bleibt sichtbar, welcher Teil schon gelingt.
Auch gelungene Hilfe hat Grenzen: Macht die Vorlesefunktion den Text zugänglich, kann das Zahlenverständnis trotzdem unsicher bleiben. Halte fest, welcher Schritt leichter wurde und welcher noch Unterricht oder Förderung braucht. Und frag die lernende Person, ob sie eine ähnliche Aufgabe jetzt selbst lösen kann.
Häufige Fragen
Wie viel Hilfe ist sinnvoll?
Beginne dort, wo die Person stockt: Lies die Anweisung vor, zeige eine Achse oder führe einen Vergleich vor. Den nächsten Schritt versucht sie selbst. Vereinbarte Hilfsmittel bleiben verfügbar; wie viele zusätzliche Hinweise nötig sind, richtet sich danach, was schon selbstständig gelingt.
Soll jedes Kapitel eine Concept Map bekommen?
Nein. Eine Concept Map eignet sich für Beziehungen zwischen Ideen. Für Zahlen, Verfahren oder eine schriftliche Argumentation passen oft andere Übungsformen besser. Wähle nach der konkreten Aufgabe.
Kann Vorlesen das Lesenlernen ersetzen?
Vorlesen öffnet den Zugang zum Fachinhalt. Das Lesen selbst bleibt ein eigenes Lernziel und wird getrennt geübt.
Wenn bereits der Wortlaut schwer zugänglich ist, zeigt unser Lernbeispiel für Legasthenie den Weg vom gelesenen oder gehörten Abschnitt zur eigenen Antwort.
Ein Anfang für die nächste Hausaufgabe
Wähle eine Aufgabe, beobachte den schwierigen Schritt und probiere eine Hilfe genau dafür aus. Prüfe dann an einer ähnlichen Aufgabe, ob die Person selbstständig weiterkommt. Wenn es nützt, kannst du Quelle, bearbeitbare Erklärung und Wiederholung in Algor zusammenhalten. Leg dir für die nächste Sitzung schon jetzt ein zweites Klimadiagramm bereit und notiere, welchen Schritt ihr dort zuerst prüft.
Faq
